a summer full of stars and secrets Lia collister cover

Prolog

Katie

Im Flughafen.

»Komm, Schatz, nimm deinen Koffer. Wir können endlich einchecken.« Meine Mutter packte mich sanft am Arm und zog mich hinter sich her. Ich war viel zu abgelenkt, konnte ihr kaum folgen, weil um uns herum so viele interessante Dinge zu sehen waren. Überall liefen Leute herum. Die meisten zogen bunte Koffer hinter sich her, genau wie wir.
Wir liefen ein paar Schritte und blieben dann am Ende einer langen Reihe Menschen stehen. Zum Glück ging es schnell voran und bald schon konnten wir unser Gepäck auf das Laufband legen. Meine Mutter half mir. Sie strahlte die Mitarbeiter an, machte einen Scherz und lachte mit ihnen. Auch noch als sie den Gürtel und schließlich die hohen Schuhe ausziehen musste.
»Komm, Katie, jetzt bist du dran. Mach es genauso wie ich.«
»Aber ich will meine Schuhe anlassen«, sagte ich trotzig.
Der Mann mit Uniform, der eben schon meine Mutter kontrolliert hatte, wandte sich zu mir, kniete sich hin und sagte: »Das kannst du auch.«
Ich lachte und lief zu meiner Mutter, die bereits den Gürtel wieder angelegt hatte und in die Schuhe geschlüpft war. Erneut half sie mir und verabschiedete sich dann von den Beamten.
Diesmal war es meine Mutter, die ich die ganze Zeit anschaute, und nicht mehr die fremden Leute um uns herum. Sie war der glücklichste Mensch, den ich je gesehen hatte, und heute flog ich zum ersten Mal mit ihr in den Urlaub.

Ein paar Jahre später. Im Flugzeug.

»Hast du dich angeschnallt? Gut. Hör dir die Sicherheitshinweise gut an. Falls etwas passiert, könnte das dein Leben retten.«
»Falls das Flugzeug abstürzt?«
»Wenn wir notlanden müssen. Aber keine Sorge, das ist ziemlich unwahrscheinlich. Flugzeuge sind sehr sicher.«
»Bist du sicher?«
»Natürlich. Hör es dir trotzdem an.«
Ich tat, wie mir geheißen – das konnte aber auch daran liegen, weil der Trickfilm mit den Sicherheitshinweisen irgendwie lustig war. Dann schaute ich aus dem Fenster. Das Lächeln meiner Mutter spiegelte sich darin. Sie hatte sich kurz vorgebeugt, um mit mir die Sterne zu beobachten.

Robert West

Weitere Jahre später. Zu Hause.

Das Telefon klingelte. Robert West zuckte erschrocken zusammen und sein Stift hinterließ eine lange, hässliche Spur auf seinem Manuskript. Er hasste Unterbrechungen. Er hatte vergessen, den Stecker zu ziehen. Seine Frau hatte ihn vor einer halben Stunde angerufen, kurz bevor sie das Flugzeug betreten hatte. Das machten sie immer so. Sobald einer von ihnen ins Flugzeug ein- oder ausstieg, wurde der andere informiert. Aber da er ja wusste, dass sie erst Stunden später landen würde, hatte er sich wieder in seine Arbeit vertieft. Der Abgabetermine rückte immer näher.
Verärgert nahm er den Hörer ab. »Ja?«, bellte er ins Telefon.
»Wann wollte Liz zurückkommen? Ist sie in das Flugzeug gestiegen?«
Robert runzelte die Stirn. Ausgerechnet Richard, der wusste doch genau, dass er es hasste, gestört zu werden. »Ja, sie hat vor circa einer halben Stunde angerufen. Sie ist auf dem Weg zu uns.«
Robert hörte geradezu, wie Richard nach Luft schnappte. »Sie ist in der Maschine?« Er keuchte. Seine Stimme war so rau und leise, dass Robert kaum verstehen konnte, was Richard gesagt hatte.
»Kannst du bitte deutlicher sprechen?« Oder wieder auflegen, dachte Robert. Er war genervt.
Richard schluckte laut. Er versuchte, sich zu sammeln, räusperte sich ein paar Mal, brachte aber kein vernünftiges Wort mehr zustande.
Es vergingen Sekunden. »Mach das Radio an«, hörte Robert zwischen zwei Schluchzern. Er erstarrte. Hatte er gerade ein Schluchzen gehört? Er schüttelte den Kopf. Was war bloß los mit Richard? »In den Nachrichten.« Ein weiterer Schluchzer und dann war das Telefon tot.
Er legte den Hörer auf und ließ sich zurücksinken, den Blick auf das Manuskript gerichtet, was er aber nicht wirklich wahrnahm.
»Bin wieder da.« Eine helle Mädchenstimme hallte durch das Haus an sein Ohr.
Richard schrak erneut zusammen. Er war in Gedanken versunken, versuchte, zu verstehen, was bloß mit seinem Freund los war.
»Ist gut. Ich mache gleich Abendessen.«
Er hörte, dass Katie zur Antwort ihre Schultasche in die Ecke pfefferte, dann kam sie ins Wohnzimmer, umarmte ihn fröhlich, ließ sich auf den Sessel fallen und schaltete den Fernseher ein. Dort wurde gerade gezeigt, wie ein Flugzeug vom Himmel stürzte.
Robert wollte Katie gerade zurechtweisen, dass sie nicht immer diese brutalen Filme gucken sollte, als ihm klar wurde, dass es die Nachrichten waren, die solche Bilder sendeten. Er blieb neben seiner Tochter stehen und die Worte blieben ihm im Halse stecken. Er starrte auf den Livestream und den Text, der darunter entlanglief. Es erschienen immer wieder die gleichen Worte. Flugzeugabsturz. Madrid – Silverstein. Hunderte Passagiere, noch keine Ursache bekannt.
Und dann wurde ein Bild eingeblendet, das Roberts Welt einstürzen ließ, bis kein Stein mehr auf dem anderen stand. Liz. Und der Schrei, den er hörte, gravierte diesen Moment für immer in sein Gedächtnis ein. Einige lange Sekunden stand er einfach nur da, starrte auf den Bildschirm, hatte selber das Gefühl, schreien zu müssen. Erst als das Bild verschwand, merkte er, dass es Katie war, die vor Schmerz schrie. Hatte er gerade eben noch gedacht, dass das das Ende wäre, sein Ende, dass er ohne Liz nicht weiterleben konnte, kam ihm jetzt wieder seine Tochter in den Sinn. Er schnappte sich die Fernbedienung und schaltete den Fernseher aus. Dann nahm er sein weinendes Kind in den Arm. Sie war jung, hatte aber sofort verstanden, was passiert war. Sein intelligentes, kleines Mädchen. Doch in diesem Moment hätte er ihr gerne eine Geschichte erzählt. In diesem Moment hasste er, dass sein Kind so schlau war. Denn das, was sie gerade gesehen hatte, würde ihr Leben für immer verändern, wenn nicht sogar zerstören. Er wünschte, er hätte sie darauf vorbereiten können. Aber es war zu spät. Das Einzige, was er tun konnte, war, für sie da zu sein.
Was jedoch leichter gesagt war als getan …

 

Kapitel 1

Katie

Einladung zum Vorstellungsgespräch.

Ich hielt den Brief fest in der Hand. Mittlerweile hatte ich ihn schon mindestens zwanzigmal durchgelesen. Dies war also jetzt das einundzwanzigste Mal und ich konnte es immer noch nicht glauben. Ich hatte eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch erhalten und zwar bei Silverstein News. Das war meine Chance! Endlich mal etwas anderes als diese langweiligen lokalen Artikel über irgendein neugeborenes Kalb oder eine Katze im Baum. Endlich mal über etwas Interessantes schreiben. Schon seit Jahren ärgerte ich mich darüber, dass in unserer Dorfzeitung nie über den Tellerrand geschaut wurde. Alle internationalen Themen wurden von anderen Redaktionen übernommen, weil unser Chef, Herr Daniels, uns einfach nichts zutraute.
Aber das war jetzt vorbei. Ich würde allem, was ich bisher gemacht hatte, den Rücken kehren und endlich mal über etwas Bedeutungsvolles berichten. Ich schob den Brief zurück in meine Tasche und dachte an das Gesicht von Daniels, wenn ich ihm sagte, dass ich für Silverstein News schreiben würde.

***

Endlich fuhr der Zug in den Bahnhof ein. Zehn Minuten später saß ich im Taxi. Meine Freundin Jil hatte mir in ihrer Wohnung ein Bett angeboten und ich ließ mich gleich zu ihr fahren. Ich hoffte, dass ich sie noch begrüßen konnte, bevor ich zum Vorstellungsgespräch weiterfuhr. Sie hatte mich bereits gewarnt, dass sie jede Menge Termine haben und ich sie kaum zu Gesicht bekommen würde. Ich hatte innerlich mit den Augen gerollt. Sie arbeitete zu viel. Aber das sagte ich ihr schon seit sechs Jahren. Dieser Ehrgeiz war bei mir bisher immer zu kurz gekommen. Aber dieses eine Mal hatte ich mir vorgenommen, mir ein Beispiel an ihr zu nehmen und mehr Disziplin an den Tag zu legen. Ich würde diesen Job bekommen, egal, was es kostete.
Ich brachte meine Koffer in Jils Wohnung, machte mich kurz frisch und nahm dann den Bus in die Redaktion.
Leider wurden meine Ambitionen schon vor der Tür erheblich ausgebremst. Bereits die äußere Fassade des Gebäudes beeindruckte mich dermaßen, dass ich mir wie ein Fremdkörper vorkam, wie eine Ameise im Museum. Es sah ganz anders aus als unser kleines Büro in Beaumont. Ein Glaspalast. Ich fragte mich sofort, wie es wohl sein würde, darin zu arbeiten. Wenn man sich ans Fenster stellte und über die Stadt blicken konnte – zu allen Seiten und bis zum Horizont. In unserem uralten Redaktionsgebäude waren wir froh, wenn im Winter die Heizungen funktionierten und von einer schönen Aussicht konnte wirklich nicht die Rede sein. Dafür durften wir uns oft genug Daniels’ Kritik anhören. Egal, was wir taten, er fand immer etwas.
Ich seufzte. Aber hier würde mit Sicherheit alles ganz anders. Dies war meine Chance, um dem alltäglichen Grauen zu entkommen.
Ich atmete noch mal tief durch. Ich hatte mich so lange darauf vorbereitet, jetzt musste ich es auch durchziehen. Entschlossen marschierte ich durch den Vordereingang und blickte mich staunend um. Die Halle war offen und riesig. Aber durch die vielen beschäftigt aussehenden Menschen, die hier herumliefen, sah es trotz der Weite nicht leer aus. Ich schaute dem einen oder anderen fasziniert hinterher und vergaß darüber hinaus beinahe, was ich überhaupt wollte. Jedenfalls, bis ich den Empfang entdeckte und die freundlich wirkende Frau dahinter, die mich strahlend anlächelte. Sie wartete darauf, dass ich zu ihr kam.
»Guten Tag, kann ich Ihnen weiterhelfen?«
Ich erwiderte ihr Lächeln. »Ja, ich habe ein Vorstellunggespräch für die freie Stelle als Junior Redakteurin für Silverstein News.« Ich überreichte ihr die Einladung, sie überprüfte sie, tippte etwas in den Computer ein und gab sie mir wieder zurück.
»Oh ja. Das ist im zweiten Stock. Dort können Sie direkt Platz nehmen. Herr Dressler wird Sie dann abholen. Ich sage ihm Bescheid, dass Sie eingetroffen sind.« Sie nickte mir auffordernd zu und griff zum Telefon. Ich nickte ebenfalls und steckte die Einladung zurück in meine Umhängetasche.
»Vielen Dank«, sagte ich und ging Richtung Aufzug.
Im zweiten Stock angekommen, öffneten sich die Fahrstuhltüren und ich blickte auf eine Reihe gemütlich aussehender Sessel. Auf den Tischen davor waren die verschiedenen Magazine und Zeitungen ausgelegt, die der Verlag publizierte. Das musste eine Art »Warteraum« sein. Ein Mann saß bereits dort und ich setzte mich zwei Sessel weiter. Unauffällig beobachtete ich ihn. Dunkle Haare, im Anzug, sehr schick. Eine Aktentasche stand neben seinem Bein und ich fragte mich neugierig, warum er hier war. Je länger ich ihn betrachtete, desto unwohler fühlte ich mich in seiner Gegenwart. Irgendwie kam er mir bekannt vor, aber mein nervöses Gehirn ließ nicht zu, dass ich mich auf etwas anderes als das vor mir liegende Gespräch konzentrierte.
»Guten Tag, Herr Kane, Frau West.« Eine elegant gekleidete Frau mit Brille war aufgetaucht und lächelte uns entschuldigend an. Das musste die Sekretärin oder so etwas sein. »Herr Dressler wird sich wohl um einige Minuten verspäten. Ich bitte Sie, noch ein bisschen zu warten. Kann ich Ihnen in der Zwischenzeit etwas anbieten? Eine Tasse Kaffee?«
Ich schüttelte den Kopf und bedankte mich für das Angebot. Hätte sie mir einen Whiskey angeboten, hätte ich es mir vielleicht überlegt. Aber Kaffee würde mich nur noch nervöser machen.
»Nein danke«, lehnte auch Herr Kane ab. Seine Stimme war tief und angenehm und ich fragte mich erneut, wer er war.
Und dann wurde mir langsam klar, was hier gespielt wurde. Er war mein Konkurrent! Gab es noch mehr? Auf was musste ich mich vorbereiten? Nervös begann ich mit dem Henkel meiner Tasche zu spielen.
»Sie warten also auch auf Dressler? Wohl auch für die Stelle als Redakteur?«, wandte er sich plötzlich an mich.
Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er mich ansprechen würde und verschluckte mich.
»Schon mal so etwas gemacht? Interviews und so?« Er musterte mich skeptisch von oben bis unten und offenbarte mir völlig ungeniert, was er dabei dachte. Ich fühlte mich vollkommen nackt unter seinem Blick und konnte kaum atmen.
Ich suchte angestrengt nach einer passenden Antwort, allerdings waren meine Berichte über die Kleintierzucht oder die Wahl des Schützenkönigs nicht wirklich beeindruckend. Genau aus diesem Grund wollte ich doch eine neue Stelle – unter anderem.
»Sind Sie stumm?«, kam er mir zuvor. »Also, dann kann ich Ihnen gleich sagen, dass die Stelle nichts für Sie ist.«
Bitte was? »Doch, doch …«, stotterte ich.
»Sind Sie sicher, dass Sie hier richtig sind?« Er hob die Augenbrauen und sah mich abschätzig an. Sein feindseliger Blick brannte sich tief in meine Haut. Als könnte er nicht glauben, dass er mit so einer wie mir um die Stelle konkurrieren musste.
»Vielleicht spreche ich einfach nicht mit jedem, sondern nur mit ausgewählten Gesprächspartnern?«, wagte ich eine lahme Antwort.
Er grinste, als hätte er nur auf so etwas gewartet.
»Oh, dann bin ich Ihnen wohl nicht genehm? Wie hätten Sie es denn gerne?«
Ich schnappte nach Luft. Er hatte wohl immer das letzte Wort – und diesmal auch. Mir fiel nichts mehr ein – wie immer. Ich war einfach nicht schlagfertig genug.
Ich presste die Lippen aufeinander und er wusste, dass er gewonnen hatte. Aber er konnte es wohl nicht lassen.
»Besser, Sie ersparen sich die Blamage. Die suchen nur einen und zwar mich. Für einen Konkurrenten ist da gar kein Platz und schon gar nicht für jemanden, der den Mund nicht aufkriegt.«
Meine Kinnlade klappte herunter. So eine Frechheit. Aber das Schlimmste war: Er hatte recht. Ich war sprachlos.
Er hob eine Augenbraue und sah mich erwartungsvoll an. Wartete er etwa auf eine Antwort?
»Ich …«
»Ich gebe Ihnen jetzt einen Tipp«, meinte er gönnerhaft. »Bei einem Dorfblättchen sind Sie besser aufgehoben.« Er packte seinen Aktenkoffer und stand auf. Ich sah ihm hinterher, wie er der Sekretärin folgte, die ihn abgeholt hatte und zu Herrn Dressler führte.
Damit hatte ich nicht gerechnet, weder damit, dass ich meine Konkurrenz direkt hier treffen würde, noch, dass ich mich mit so einem Arschloch um die Stelle streiten sollte. Aber wir würden ja sehen. Die mit der großen Klappe hatten meistens nicht wirklich etwas zu bieten. Ich würde ihm schon noch zeigen, wo der Hammer hing, und wer von uns beiden wie geschaffen für diese Stelle war. Das war mein Job und keiner würde mir diesen streitig machen! Auch kein dahergelaufener Herr Kane.
Eine Viertelstunde später wurde ich hereingerufen. Beim Vorbeigehen zischte mir Kane noch ein »Viel Glück« zu. »Das werden Sie brauchen.« Und ich antwortete: »Ich glaube nicht. Mein Können reicht vollkommen …« … um Sie zu überbieten. Aber den letzten Teil dachte ich nur und traute mich nicht, ihn vollständig auszusprechen.
Auch ich bekam eine Viertelstunde, um mich vorzustellen und von meinen bisherigen Qualifikationen zu erzählen. Außerdem die obligatorische Frage, warum ich überhaupt bei Silverstein News arbeiten wollte und was ich für einen Mehrwert mitbrachte. Ich hasste diese Fragen, hatte mir aber eine – meiner Meinung nach – gute Antwort zurechtgelegt. Dann wurde ich mit einem undurchsichtigen Gesichtsausdruck entlassen. Ich konnte absolut nicht sagen, ob ich meine Sache jetzt gut gemacht hatte oder nicht. Kane konnte sich wahrscheinlich besser verkaufen. Vielleicht hätte ich mich doch woanders bewerben sollen? Die Zweifel hatten mich wieder fest im Griff. Umso erleichterter war ich, dass ich in der Wohnung auf Jil traf und wir noch Zeit hatten, einen Kaffee zusammen zu trinken, bevor sie schon wieder losmusste.