und wenn es wirklich Liebe ist - CoverKapitel 1

Es war ein friedlicher Abend. Ich saß auf dem Boden und starrte den geschmückten Weihnachtsbaum an. Draußen stoben Schneeflocken durch die mondlose Nacht, die durch die schneebedeckten Felder nicht ganz so dunkel war, wie sonst. Hier innen knisterte das Feuer in dem kleinen Kamin und verschaffte eine wohlige Wärme. Im ganzen Zimmer hing Weihnachtsschmuck, der in allen Farben glitzerte. Ein Engel pendelte an einem Zweig hin und her, nachdem Mellow, der rotgetigerte Kater meiner Mutter, mit der Pfote danach geschlagen hatte. Mellow beobachtete den Engel und schien ihn als Herausforderung zu betrachten. Ich nahm die Bewegungen nur in einem Augenwinkel wahr. Die ganze Wohnung war wie immer herausgeputzt und machte mir ein schlechtes Gewissen, wenn ich an mein eigenes Zuhause dachte. Woran ich in letzter Zeit besonders häufig denken musste, obwohl ich wusste, wie weh mir das tat. Es war, wie den Finger in die offene Wunde zu legen.
Über die Weihnachtsfeiertage blieb Maditas Laden geschlossen. Ich konnte mich also auch nicht mehr mit Arbeit ablenken. Es wurde insgesamt ruhiger um mich herum, nur in mir drin brodelte es. Und gerade jetzt war doch die Zeit der Familie.
Wie jedes Jahr war ich nach Hause zu meinen Eltern gefahren. Meine Schwester Rachel und ihr Freund Frederic waren schon ein paar Tage früher angekommen. Wie immer würden wir ganz groß feiern: mit Onkeln, Tanten, Großeltern, Neffen – eben mit allen, die in irgendeiner Form mit uns verwandt waren. Meine Mutter übertrieb gerne. Aber einer fehlte. Einer, der mir besonders am Herzen lag und der die letzten Jahre immer mit dabei gewesen war. Mit mir und an meiner Seite. Wir gegen die ganze drollige Verwandtschaft. Ich seufzte tief.
Jetzt saß ich hier alleine und grübelte. Hatte ich etwas falsch gemacht? Hätte ich etwas anders machen können? Machen müssen? Warum war Jakob zur Weihnachtsfeier gekommen, obwohl er mir klipp und klar gesagt hatte, dass er keinesfalls kommen würde? Warum war er so schnell abgehauen? Misstraute er mir so sehr? Und warum antwortete er einfach nicht?
»Caroline, ich habe dir eine Frage gestellt. Es ist sehr unhöflich, nicht zu antworten.«
Ich schaute auf. Meine Mutter stand neben mir und blickte auf mich herab.
»Wie bitte? Sorry, ich war in Gedanken. Kannst du es nochmal wiederholen?«
»Kommt Jakob noch nach?«
Womm! Meine Mutter hatte ein Gespür dafür gerade die Dinge anzusprechen, über die ich nicht reden wollte.
Ich schüttelte nur den Kopf und wandte mich wieder ab.
»Muss er arbeiten? Der arme Kerl. Er arbeitet so viel.« Meine Mutter gab sich selbst die Antwort und mir eine Vorlage.
»Ja, ja. Er muss dieses Jahr leider arbeiten«, antwortete ich, ohne ein weiteres Mal den Kopf zu wenden.
Zum Glück beließ meine Mutter es dabei und ließ mich wieder alleine in meinem Elend. Ich schaute Mellow ein bisschen zu, wie viel Spaß er an dem ollen Weihnachtsbaum zu haben schien. Ich dagegen wäre froh, wenn diese Zeit schon wieder vorbei wäre. Dieses Familiengedöns ging mir nämlich im Moment richtig gegen den Strich und mir fehlte die Ablenkung im Laden.

***

Der Tisch war völlig überladen. Eindeutig. Meine Mutter hatte alles aufgefahren, was ging. Typisch. Dabei hatte sie selbst nur ein paar Salate und den Nachtisch beigesteuert. Ich war mir zu 99,9 Prozent sicher, dass der Rest von einer Catering-Firma kam. Meine Mutter konnte nämlich genauso gut kochen wie ich, nämlich gar nicht. Dabei wäre mir manchmal lieber gewesen, ich hätte mir etwas von ihr abschauen können. Immerhin hatte ich einen ausgezeichneten Geschmackssinn. Meine Schwester und ich waren nämlich schon seit frühester Kindheit von einem Restaurant ins nächste geschleppt worden, wo es nur das Beste vom Besten gab. Unsere Eltern waren nicht reich, aber Feinschmecker, besonders meine Mutter und da auch wir Kinder nichts gegen eine genießbare warme Mahlzeit einzuwenden hatten, waren wir meistens ohne Murren mitgegangen.
Nachdem der obligatorisch zu spät kommende Onkel endlich eingetroffen, meine Mutter einer Panikattacke im letzten Moment entkommen war und die gesamte Familie sich um den weihnachtlich geschmückten Tisch versammelt hatte, konnten wir endlich das Essen genießen. Ich musste zugeben, es war wirklich köstlich.
Inzwischen waren alle Schüsseln geleert und die meisten Gäste in Gesprächen vertieft, nur ich grübelte schon wieder.
»Wow. Thea, du hast dich ja wieder mal selbst übertroffen«, stellte mein Onkel fest und goss sich noch eine Kelle Soße über sein Bratenstück.
»Ja, es gibt auch einen besonderen Anlass«, grinste meine Mutter und griff zum Glas. Im ersten Moment dachte ich, sie wollte wie im Film mit dem Löffel dagegenschlagen, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Aber sie trank nur einen Schluck. Ich war wohl nicht die Einzige, die das gedacht hatte, denn plötzlich trat Stille ein. Meine Mutter pausierte einige Sekunden und genoss die Aufmerksamkeit, die man ihr entgegenbrachte. Schließlich fuhr sie mit erhobener Stimme fort. »Ich möchte euch eine freudige Nachricht verkünden. Meine Tochter wird heiraten.«
Mit einem Ruck drehten sich alle Köpfe zu mir, ich war schließlich die ältere Tochter. Doch ich starrte nur verblüfft und erschrocken zurück und linste dann zu Rachel, deren Gesichtsausdruck sich in Sekundenschnelle änderte. Von einem grinsenden Honigkuchenpferd zu einem wütenden Stier. Und mir wurde klar, dass meine Mutter natürlich von Rachel sprach. Ich hatte ihr den Moment gestohlen, obwohl ich das gar nicht gewollt hatte. Sie starrte mich böse an.
»Rachel, Frederic, herzlichen Glückwunsch«, sagte ich, um die peinliche Situation aufzulösen. Und wie erwartet, richtete sich jetzt endlich die Aufmerksamkeit auf meine Schwester und ihren Verlobten. Und alle gratulierten.
»Wer hätte gedacht, dass die Jüngere zuerst heiraten wird? Aber bei Caroline wird es sicher auch bald soweit sein«, sagte meine Mutter und zwinkerte mir zu. Ich spürte die Röte förmlich in mein Gesicht steigen. Wenn es so weiter lief, wohl eher nicht.
»Ja, echt schade, dass Jakob nicht da ist», sagte meine Schwester. Ihr Gesichtsausdruck ließ mich wachsam werden.
»Ja, er muss arbeiten«, erklärte ich schnell, bevor jemand fragen konnte.
»An Weihnachten?«, fragte meine Tante.
»Ja, er ist in den USA.« Ich begann nervös mit meiner Serviette zu spielen.
»Davon hat er ja gar nichts erwähnt. Ich habe ihn erst vor ein paar Tagen getroffen«, meinte meine Schwester. Ich wusste, dass sie das nur tat, um mich zu ärgern. Ich fiel trotzdem darauf herein und wurde neugierig. Ich musste einfach wissen, was Jakob ihr erzählt hatte.
Da die restliche Familie wieder in Gesprächen vertieft war – diesmal über die bevorstehende Hochzeit -, traute ich mich nachzuhaken. »Wo hast du ihn denn getroffen?«
»Nicht in den USA«, sagte meine Schwester knapp.
Ich funkelte sie böse an. Das war mir natürlich klar gewesen. Dennoch versuchte ich mich zu beherrschen und zwang mich zu einem Lächeln. Schließlich wollte ich etwas von ihr wissen.
»Beim Einkaufen. Er war übrigens mit einer dunkelhaarigen Frau unterwegs, seine Schwester?«, fuhr Rachel fort.
Mir fiel beinahe mein freundliches Lächeln aus dem Gesicht. Jakob hatte keine Geschwister und das wusste Rachel genauso gut wie ich. Ich atmete tief ein. Beruhige dich!
»Und er hat mit dir über mich gesprochen?«, fragte ich skeptisch. Wenn er mit jemandem unterwegs gewesen war, konnte ich mir noch weniger vorstellen, dass er mit meiner Schwester geplaudert hatte.
»Nein, aber wenn du mich fragst, hat er sich nicht gerade gefreut mich zu sehen und als ich deinen Namen erwähnt habe, wurde er geradezu stumm.« Sie schaute mich wissend an und ich gab auf.
»Wir hatten eine kleine Meinungsverschiedenheit. Aber er wollte wirklich nicht kommen, weil er in den USA zu tun hatte», verteidigte ich mich.
Leider hatte in dem Moment gerade eine kurze Stille geherrscht und meine Mutter und auch der Rest meiner Familie hatten meine Worte mitbekommen.
»Caroline. Was soll das heißen? Ihr habt euch gestritten? Deshalb ist er nicht da? Mein Schatz, Weihnachten ist das Fest der Liebe. Du solltest dich mit ihm vertragen. Daniel, sag doch auch mal etwas dazu«, wandte sie sich an meinen Vater, der sich jedoch am liebsten aus allem raus hielt, was auch jetzt nicht anders war.
»Ja Caroline, nimm dir ein Beispiel an deiner Schwester.« War ja klar, dass mein Onkel sich stattdessen einmischen würde. Ich rollte die Augen und meine Mutter warf mir einen bösen Blick zu.
»Entschuldige dich bei Jakob«, forderte sie mich auf.
Bitte? Am liebsten hätte ich entsetzt aufgeschrien. »Aber ich habe gar nichts gemacht.« Und ehrlich gesagt, wollte ich das auch nicht vor meiner gesamten Familie besprechen.
»Mein Schatz, manchmal …«
»Thea, lass sie doch. Am Weihnachtsabend sollten wir nicht streiten. Sie wird das schon richtig machen«, kam mein Vater mir zur Hilfe. Meine Mutter warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu, als könnte sie gar nicht verstehen, warum er mich jetzt in Schutz nahm und begann dann abzuräumen.
Ich atmete erleichtert aus.
Zum Glück hörten auch die anderen auf meinen Vater und wandten sich wieder ihren Gesprächspartnern zu, um den neusten Klatsch und Tratsch weiterzuverbreiten. Nur ich blieb stumm. Selbst am Weihnachtsabend in der Runde meiner Familie konnte ich Jakob nicht vergessen. Und dann musste ich plötzlich an David denken. Was er jetzt wohl machte? War er bei seiner Familie? Oder feierte er mit Lara?
Um mich abzulenken, half ich meiner Mutter beim Abräumen, bis meine kleine Cousine kam und mich wegzog. Ich folgte ihr bereitwillig. Wir setzten uns auf den Boden und ich bewunderte ihre neuen Barbies und Bücher. Als sich auch noch Mellow zu uns gesellte und sich schnurrend neben mir niederließ, um sich ein paar Streicheleinheiten zu erbetteln, ging es mir langsam wieder besser.

 

Kapitel 2

Die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr waren wie immer quälend lang. Es gab nichts, was man tun konnte, nichts was wichtig war. Es war ein einziges langes Warten darauf, dass das alte Jahr endete und das neue begann. Ich langweilte mich. Und ich vermisste Jakob. Besonders jetzt. Während meine Mutter bereits voll in der Hochzeitsplanung vertieft war und meine Schwester ihre Mühe hatte, sie davon abzuhalten, verkroch ich mich immer mehr in meinem Kummer. Nur die besorgten Blicke meines Vaters erinnerten mich daran, dass etwas schief lief. Aber ich konnte einfach nichts dagegen tun und ertrank fast in meinem Selbstmitleid.

***

Am Montag gegen neun Uhr klingelte es an unserer Haustür und ich schreckte aus meinem Bett hoch. Schritte. Jemand öffnete die Tür. Beruhigt wollte ich mich gerade wieder umdrehen, als meine Zimmertür aufschwang und ein eisiger Windstoß durch mein Zimmer fuhr. Ich zog schnell die Decke über den Kopf und rief empört: »Lass mich gefälligst schlafen!« Weil ich dachte, dass es meine Mutter war, die in mein Zimmer gestürmt war.
»Garantiert nicht. Es sei denn, du willst Silvester unbedingt zu Hause feiern«, sagte Sofia fröhlich und zog mir die Decke weg.
Kälte umschlang mich. Ich klammerte mich verzweifelt an dem oberen Zipfel des Plumeaus.
»Nicht!«, kreischte ich. Es dauerte einige Sekunden, bis mir klar wurde, dass Sofia in meinem Zimmer stand. »Was? Machst du denn hier?«, fragte ich irritiert.
»Ich komme dich abholen, du Schlafmütze.« Sie schüttelte den Kopf über meine Vergesslichkeit und riss noch ein bisschen stärker an der Decke. Aber auch ich gab nicht nach. Der Stoff machte bereits seltsame Geräusche, als würden die Fäden unter den reißerischen Kräften stöhnen.
»Mitten in der Nacht?«
Endlich ließ Sofia die Decke los und ich konnte mich wieder einkuscheln. Dafür ging sie zum Fenster und zog den Rollladen hoch. Gleißendes Licht fiel in mein Zimmer und blendete mich.
»Es ist helllichter Tag und die Sonne scheint. Das ist das perfekte Wetter, um aufzubrechen«, rief sie. Sie betrachtete den Raum, jetzt wo es hell war. »Übrigens schickes Zimmer.« Sie grinste und zeigte auf die Barbiepuppen, die in einem Regal brav nebeneinandersaßen. Darum waren Herzchenlichterketten gespannt, die sich mit der rosa Wolkentapete um die Wette stritten, was wohl kitschiger war. Wieso hatte ich an meinem 7. Geburtstag nur unbedingt eine rosa Tapete haben wollen?
»Schwierige Kindheit.« Ich zuckte mit den Schultern. Mittlerweile war ich doch aufgestanden und hatte mich in meinen kuscheligen Morgenmantel gewickelt. »Gib mir zehn Minuten, dann bin ich fertig.«
»Dein Wort in Gottes Ohr, ich warte in der Küche. Deine Mutter hat uns heißen Kakao und Schokocroissants angeboten.«
Wie gemein. Ich wusste, dass mir dafür keine Zeit mehr blieb, höchstens ein Croissant auf der Hand, aber dann würde Jonas sicher wegen der Brösel im Auto ausflippen und ich wollte ihn nicht schon zu Beginn der Reise verärgern. Ich seufzte.
Es wurden dann doch dreißig Minuten bis wir endlich alle im Auto saßen und abfahrbereit waren. Jonas startete und setzte zurück, um auf die Straße zu biegen. Im Rückspiegel sah ich meine Mutter, die uns nachschaute, aber ich warf keinen Blick mehr zurück. Ich freute mich auf das, was kam. Was konnte besser sein, als ein Miniurlaub mit meiner besten Freundin? Und natürlich mit Jonas, erinnerte ich mich.

***

Nach fünfstündiger Fahrt kamen wir endlich an der Wohnung an. Ich hatte fast die ganze Zeit über im Auto geschlafen und war froh, dass die beiden sich dazu bereit erklärt hatten, das Steuer zu übernehmen. Auf der Rückfahrt würde ich dann fahren – nahm ich mir jedenfalls vor. Aber jetzt war ich einfach viel zu müde. Ich hatte die letzten Jahre gar nicht bemerkt, wie anstrengend meine Familie war.
Der Wagen hielt und ich schlug die Augen auf, um einen ersten Blick auf das kleine Häuschen zu werfen, das wir gemietet hatten. Der Anblick erinnerte mich stark an ein Foto auf einer Ansichtskarte. Ein kleines Häuschen in einer verschneiten Landschaft mitten in den Bergen. Sogar der Kamin qualmte. Die Vermieterin hatte gewusst, dass wir kamen und vorgesorgt.
»Aufstehen, du Schlafmütze. Wir sind da«, rief Sofia fröhlich und sprang schwungvoll aus dem Wagen. In Windeseile hatte sie den Kofferraum geöffnet und war bereits dabei unsere Taschen herauszuholen.
Ich rappelte mich nur mit Mühe hoch und als ich meine Wagentür aufschlug, hätte ich sie am liebsten gleich wieder zugezogen. Viel zu kalt da draußen! Doch da auch Jonas sich mittlerweile zu Sofia gesellt hatte, blieb mir wohl nichts anderes übrig als auszusteigen. Ich konnte schließlich nicht im Auto übernachten und würde mich wohl oder übel die paar Meter bis zum Haus quälen müssen. Langsam stieg ich aus. Meine Schuhe sanken einige Zentimeter in den Schnee ein. Ich quietschte auf und sprang hoch, was natürlich nicht viel nützte. Der kalte Schnee war über den Rand in meine Schuhe gerutscht und es fühlte sich eklig kalt und nass an.
Die anderen beiden starrten mich an und grinsten. Na toll, ich war mal wieder der Clown. Aber jetzt war ich wenigstens wach. Ich hob die Nase und stolzierte so elegant wie möglich auf Jonas und Sofia zu. Dann waren meine Füße eben nass … und kalt … und machten bei jedem Schritt merkwürdige Geräusche. Ganz ruhig.
Ich trat neben die beiden, die schon fleißig ausgepackt hatten. Sofia grinste immer noch schadenfroh. Jonas war wenigstens so nett und versuchte es zu überspielen, indem er sich wieder dem Gepäck gewidmet hatte.
»Musst du so unverschämt gut gelaunt sein?«, fragte ich Sofia und nahm meinen Koffer aus dem Kofferraum.
»Na klar, ich muss ja für dich mit gute Laune verbreiten. Vergiss doch mal endlich alles. Du hast Urlaub. Das wird das beste Silvester deines Lebens.«
»Meinst du nicht, du hast dir da zuviel vorgenommen?«, fragte ich skeptisch.
»Lass dich einfach überraschen«, sang sie, wie in dem Werbespot und wackelte mit den Augenbrauen.
Ich zog die Augenbrauen hoch. »Da bin ich ja mal gespannt.«
Sofia grinste geheimnisvoll, nahm ihren Koffer und stapfte durch den Schnee auf das Haus zu. Sie schloss auf und ließ uns ein. Ich fragte mich mal wieder, was ich da eigentlich alles eingepackt hatte, als ich schnaufend den Koffer in der Wohnung abstellte.
»Hast du da Steine drin?«, fragte Sofia sogleich. Sie hatte mich beobachtet.
»So weit ich weiß nicht.« Ich runzelte die Stirn und sagte dann achselzuckend: »Man muss eben auf alles vorbereitet sein.«
Sobald wir in die Wohnung traten, wechselte ich Socken und Schuhe. Erst dann fühlte ich mich wieder einigermaßen wohl und schaute mich mit den anderen in der Wohnung um. Sie war hell, warm und sauber. Es gab zwei Schlafzimmer mit eigenem Bad und einen riesigen Raum, der gleichzeitig Küche und Wohnzimmer war, sogar mit einem offenen Kamin. Vielleicht wurde es ja doch ganz gemütlich.
Außerdem wollten wir ja nicht den ganzen Tag in der Bude rumhocken, sondern draußen etwas erleben. Was wir auch die nächsten Tage machten.

***

Abends saßen wir zusammen vor dem Kamin. In weichen Decken gekuschelt. Das Holz knisterte in den Flammen und unsere Gesichter waren gerötet von der Wärme und dem Schein, den das Feuer auf uns warf.
Heute war Silvester. In wenigen Stunden würde ein neues Jahr beginnen. Ich war irgendwie froh, dass es mal wieder soweit war. Es erschien mir als ein Abschluss eines schlechten Jahres und der Beginn eines neuen Jahres, in dem wieder alles möglich war. Ein Neuanfang.
Ich starrte abwesend in die Flammen, während Sofia eine anscheinend lustige Geschichte erzählte, denn sie fuchtelte aufgeregt mit den Armen und Jonas lachte ab und zu laut auf. Ich bekam kaum etwas davon mit. Erst als Sofia ein kleines Päckchen hervorholte, wurde ich aus meinen Gedanken gerissen. Sie öffnete den bunten Karton und hielt ihn mir hin. »Einer für dich.«
Ich schaute sie erst irritiert an, dann griff ich zu und holte einen Glückskeks heraus. Ich verdrehte die Augen. Typisch Sofia, Sie war es auch gewesen, die mich in das Wahrsagezelt geschleppt hatte.
Jonas und Sofia nahmen sich auch einen Glückskeks. Ich starrte das Ding missmutig an. Was kam jetzt? Würde ich meinen Job ein weiteres Mal verlieren? Ich wollte eigentlich keine erneuten Zukunftsversionen, das hatte mir gerade noch gefehlt – oder eben nicht. Denn Maditas Gerede reichte mir vollkommen.
Doch Sofia war mal wieder nicht zu bremsen.
»Na dann, lasst uns mal gucken, was die Zukunft bringt. Du zuerst«, forderte Sofia mich auf.
Ich ergab mich meinem Schicksal. Widerwillig brach ich den Glückskeks auf und pulte das kleine Zettelchen heraus. »Wo die eine Tür sich schließt, öffnet sich ein neues Fenster«, las ich vor. Na super, das konnte alles bedeuten oder nichts. Aber was hatte ich erwartet? Andererseits war es vielleicht gar nicht so schlecht, dass es nicht so deutlich war, wie Maditas Spruch »Mach dir keine Sorgen, du findest einen neuen Job«. Ich atmete erleichtert aus.
»Das ist doch … gut?«, fragte Jonas vorsichtig. Es sollte mich wohl motivieren, hörte sich aber eher an, als wäre er sich selber nicht sicher, was das bedeuten sollte. Ich lachte und zuckte mit den Schultern. »Glückskekse eben.«
Doch Sofia schien ganz zufrieden. »Jetzt du«, forderte sie Jonas auf.
»Beständigkeit, alles bleibt, wie es ist.« Jonas grinste und sah Sofia verliebt an. Sofia erwiderte seinen Blick. Und so sehr ich mich für die beiden freute, in diesem Moment fühlte ich mich wie das fünfte Rad am Wagen. Zum Glück war der Moment genauso schnell verflogen, wie er aufgekommen war und Sofia brach ihren Glückskeks auf.
»Egal wie weit der Weg ist, man muss den ersten Schritt tun. Mao tse-tung.« Sofia grinste: »Ja, das passt.«
Na ein Glück, wenigstens wusste sie etwas mit ihrem Spruch anzufangen.
»Ach ja?«, fragte Jonas neugierig.
»Na klar. Ihr wisst doch, wie viel Spaß mir die Seifen und Cremes machen. Ich muss den nächsten Schritt tun.«
»Und der wäre?«
»Ein richtiger Laden.« Sofias Augen funkelten. In ihren Augen spiegelte sich das Feuer.
»Und dein Job bei Lavita?«, fragte ich.
»Na du weißt doch, dass es nicht mehr so ist wie früher und seitdem du weg bist, ist es noch viel schlimmer geworden. Es fehlt mir sehr, mit dir darüber zu sprechen.«
Ich nickte. Ja, sie hatte sich nie so richtig wohlgefühlt in der Produktion.
Ich linste zu Jonas. Was er wohl davon hielt? War er genauso dagegen, wie Jakob? Es sah nicht danach aus. Er hatte Sofias Hand ergriffen und drückte sie ermutigend. Mir wurde warm ums Herz. Und ich sehnte mich danach, dass Jakob das Gleiche tat, was aber eine reine Wunschvorstellung bleiben würde. Ich seufzte.
»Hast du dir schon überlegt, wie du das anstellen willst?«, fragte ich neugierig. Das war schließlich eine große Sache. Bei einem echten Geschäft wurden noch ganz andere Kosten fällig, als beim Online-Handel.
»Na klar«, sie grinste mich wissend an und ich musste schlucken. Sofort spürte ich, dass das, was kam, irgendwie mit mir zu tun hatte. »Ich habe uns bei einem Marketingkurs angemeldet.«
Ich warf einen schnellen Blick zu Jonas, der außer einem leichten Stirnrunzeln keine Mine verzog. Er wusste also Bescheid, schien sich aber nicht angesprochen zu fühlen.
Ich schaute zurück zu Sofia. »Uns? Wie meinst du denn das?«
Natürlich hatte ich recht.
»Na du und ich.« Sofia freute sich sichtlich darauf. Hätte ich mich wahrscheinlich auch, wenn ich vorher gefragt worden wäre. »Das wird super.« Sofia packte meine Hand und drückte sie, als könnte sie mir damit eine genauso begeisterte Reaktion entlocken. »Wenn wir wieder zu Hause sind, zeige ich dir die Website von Frau Winter. Die Frau ist genial. Sie hat selber mehrere Firmen aufgebaut und gewinnbringend verkauft. Jetzt coacht sie andere und investiert in Start-ups.« Sie geriet ins Schwärmen. Ich war starr vor Schreck. Ein Marketingkurs? Mit einem Coach? Für den Laden? Was Madita wohl davon halten würde? Solche Gedanken blitzten im Sekundenrhythmus in meinem Kopf auf. Plopp, plopp, plopp. Dann schüttelte ich den Kopf. Sie würde mich für verrückt erklären.
Sofia schwärmte weiter, wie toll alles werden würde. Ihre Überredungstaktik und ich fiel darauf rein. Je mehr sie erzählte, desto interessierter wurde ich. Vielleicht war es doch ein Versuch wert zu so einem Kurs zu gehen. Schließlich hatte ich nicht wirklich viel Ahnung von dem Thema. Und meine »Marketingmaßnahmen« hatten auch nicht so gefruchtet, wie ich mir das vorgestellt hatte. Okay der Weihnachtsmarkt war ganz gut gelaufen, aber was brachte schon ein einziges Event? Die tägliche Kundschaft musste sich erhöhen, sonst würde es den Laden zum nächsten Weihnachtsfest gar nicht mehr geben. Der Ruhm wegen dem Fund des Bildes würde sicher bald abebben und dann waren wir wieder so weit wie vorher.
»Und wann soll das Ganze stattfinden?«, fragte ich vorsichtig.
»Muss ich nachgucken«, Sofia zuckte mit den Schultern. »Aber ich werde dir schon früh genug Bescheid geben. Jetzt ist erst mal Urlaub«, sie grinste. Ich konnte es nicht fassen. Typisch. So unbekümmert konnte nur Sofia an die Sache herangehen. Wenn ich schon bei so etwas mitmachen sollte, dann musste ich mich doch wenigstens ordentlich vorbereiten können.